Grundschulen benötigen Ressourcen statt immer neuen Tests
Positionspapier des Grundschulverbands Baden-Württemberg zu den Ergebnissen von PISA 2025
Die neuen Ergebnisse der PISA-Studie sind alarmierend. Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland liegen 2025 in Mathematik und Lesen erneut unter denen von 2022; in den Naturwissenschaften stagnieren sie. Im längerfristigen Vergleich fallen die Ergebnisse noch deutlicher aus: In allen drei Bereichen erreicht Deutschland 2025 die niedrigsten bislang bei PISA gemessenen Werte.
Für den Grundschulverband Baden-Württemberg ist deshalb klar: Die Antwort auf diese Entwicklung darf nicht darin bestehen, Kinder, Schulen und Lehrkräfte noch häufiger zu testen und zu vermessen.
- Mehr als zwei Jahrzehnte Bildungsmonitoring – aber keine entsprechende Verbesserung
Seit dem sogenannten PISA-Schock zu Beginn der 2000er-Jahre wurde das deutsche Bildungssystem grundlegend verändert. Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten, Lernstandserhebungen, Kompetenztests und weitere Instrumente des Bildungsmonitorings sollten Unterrichtsentwicklung unterstützen und zur Verbesserung schulischer Leistungen beitragen. Um diese Instrumente herum ist inzwischen eine umfangreiche Infrastruktur der Erhebung, Auswertung und Steuerung entstanden.
Die Ergebnisse von PISA 2025 geben Anlass, die damit verbundenen Erwartungen kritisch zu überprüfen.
Denn eines lässt sich nach mehr als zwei Jahrzehnten feststellen: Die enorme Ausweitung des Messens hat nicht zu einer entsprechenden Verbesserung der gemessenen Leistungen geführt. Im Gegenteil erreichen die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland bei PISA 2025 einen historischen Tiefstand.
Das bedeutet nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, Evaluation oder empirische Bildungsforschung überflüssig wären. Es bedeutet aber sehr wohl, dass wir die Vorstellung hinterfragen müssen, durch immer engmaschigeres Testen, Vergleichen und Dokumentieren ließe sich die Qualität von Bildung gleichsam automatisch steigern.
Vom Wiegen wird das Schwein nicht fett. Und vom Testen allein lernt kein Kind besser lesen, schreiben oder rechnen.
- Die Verantwortung liegt nicht bei den Lehrkräften
Ebenso entschieden wenden wir uns gegen eine Interpretation der Ergebnisse, die die Verantwortung bei einzelnen Schulen oder Lehrkräften sucht.
Lehrkräfte arbeiten täglich mit zunehmend heterogenen Lerngruppen und sollen zugleich Inklusion, Mehrsprachigkeit, individuelle Förderung, Digitalisierung und zahlreiche weitere gesellschaftliche Anforderungen bewältigen. Viele Grundschulen tun dies unter Bedingungen, die diesen Aufgaben längst nicht mehr gerecht werden.
Wer bessere Bildungsergebnisse möchte, muss deshalb die Bedingungen des Lernens verbessern – nicht lediglich deren Ergebnisse immer genauer vermessen.
Jeder Euro und jede Arbeitsstunde, die in zusätzliche Test-, Dokumentations- und Monitoringstrukturen fließen, müssen sich daher die Frage gefallen lassen, ob sie an anderer Stelle nicht unmittelbar mehr für Kinder bewirken könnten.
- Unsere Forderung: Ressourcen in Förderung statt in zusätzliche Teststrukturen
Der Grundschulverband Baden-Württemberg fordert deshalb eine grundlegende Neuorientierung der Bildungspolitik:
- Keine weitere Ausweitung standardisierter Testungen in der Grundschule. Bestehende Instrumente müssen hinsichtlich ihres tatsächlichen Nutzens für Unterricht und individuelle Förderung kritisch überprüft werden.
- Entlastung der Schulen von Test-, Dokumentations- und Auswertungsaufgaben, die keinen nachweisbaren unmittelbaren Mehrwert für das Lernen der Kinder haben.
- Investitionen dort, wo Lernen tatsächlich stattfindet: in gut ausgestattete Schulen, in gut ausgebildete Lehrkräfte, zeitgemäße Lehr- und Lernmittel, kleinere Lerngruppen, multiprofessionelle Unterstützung und ausreichende Zeit für individuelle Förderung.
- Diagnostik muss der Förderung dienen. Pädagogisch sinnvolle Diagnostik gehört zum professionellen Handeln von Lehrkräften. Sie muss konkrete Hinweise darauf geben, was ein Kind bereits kann, wobei es Unterstützung benötigt und wie diese Unterstützung gestaltet werden kann. Diagnostik darf nicht zum Selbstzweck eines immer umfassenderen Monitorings werden.
- Evidenzorientierung neu denken. Empirische Bildungsforschung ist unverzichtbar. Evidenzorientierung darf aber nicht mit einer möglichst hohen Zahl standardisierter Leistungsmessungen verwechselt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen dazu beitragen, die Bedingungen guten Unterrichts zu verbessern und Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie Kindern und Lehrkräften unmittelbar zugutekommen.
- PISA 2025 muss ein Wendepunkt sein
Die neuen PISA-Ergebnisse dürfen nicht den nächsten Reflex auslösen: noch eine Erhebung, noch ein Vergleichstest, noch ein Monitoringinstrument.
Deutschland verfügt inzwischen über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung mit einer stark ausgebauten empirischen Bildungssteuerung. PISA 2025 zwingt uns dazu, auch deren Wirkungen kritisch zu bilanzieren.
Wir wissen längst, dass wir ein Problem haben. Jetzt müssen wir unsere Ressourcen dafür einsetzen, es zu lösen.
Die Grundschule braucht deshalb keine neue Testeritis. Sie braucht Zeit zum Lernen, professionelle Handlungsspielräume für professionell ausgebildete Lehrkräfte, gute Lehr- und Lernmittel, ausreichend Personal und gezielte Unterstützung für diejenigen Kinder, die sie am dringendsten benötigen.
Weniger vermessen. Mehr ermöglichen.


