Freiburg, den 18. November 2025
Am 19. und 20. November schreiben alle Viertklässler:innen im Lande die Tests zu Kompass vier. Noch kennen wir die Tests nicht und das Kultusministerium macht deutlich, dass es aus dem letztjährigen Desaster mit dem Test Konsequenzen gezogen hat. Dies betrifft sowohl die Testorganisation, als auch – so wird versichert – die Gestaltung der Aufgaben im Test. Unsere Kritik an Sinn und Zweck dieses Tests bleibt jedoch unverändert. Dabei stützen wir uns auch auf die Expertise aus den Reihen der Professorinnen und Professoren der Pädagogischen Hochschulen des Landes, die im Bereich der Grundschulen lehren.
Lesen Sie hier unsere gemeinsame Stellungnahme:
Der Grundschulverband Baden-Württemberg – unter der Leitung von Edgar Bohn, Inken Broocks, Gabriele Doderer, Susanne Doll, Taha Ertuğrul Kuzu, Annette Pohl, Katharina Rohrbach-Holzinger und Christoph Straub – sowie Professor:innen für Grundschulpädagogik der Pädagogischen Hochschulen Baden-Württembergs – Prof. Dr. Christian Gleser, Prof. Dr. Ulrike Graf, Prof. Dr. Birgit Hüpping, Prof. Dr. Thomas Irion, Prof. Dr. Damaris Knapp, Jun.-Prof. Dr. Taha Ertuğrul Kuzu, Prof. Dr. Stefanie Schnebel und Prof. Dr. Gudrun Schönknecht – kritisieren die anstehende landesweite KOMPASS-4-Testung scharf.
Der Test, der in Klasse 4 durchgeführt wird, reiht sich nach Lernstand 2 (Klasse 2) und VERA 3 (Klasse 3) als dritte standardisierte Testung innerhalb weniger Jahre ein und verstärkt nach Ansicht des Verbands und der genannten Professor:innen die technokratische Verkürzung des Bildungsverständnisses in der Grundschule. „Wir erleben in den Schulen, dass solche Testungen nicht nur wertvolle Lernzeit kosten, sondern auch erhebliche Unruhe erzeugen – bei Lehrkräften, Kindern und Familien“, erklärt eine anonyme bleiben wollende Grundschulleitung aus Baden-Württemberg und führt aus: „Die Grundschule darf nicht zu einem Ort werden, an dem Kinder auf Testleistungen reduziert werden, sondern muss ein Ort des Lernens, Förderns und Wachsens bleiben – im Sinne des allseitigen Lernens!“.
Besonders kritisch wird gesehen, dass KOMPASS 4 sich ausschließlich auf Leistungen in Deutsch und Mathematik konzentriert und damit faktisch die Weichenstellung für den Übergang auf weiterführende Schulen beeinflusst, vor allem die Selektion in die Gymnasien. „Bildung ist mehr als ein Testergebnis in zwei Fächern“, so der Verband und die Professor:innen. „Sozial-emotionale Kompetenzen, kreative Fähigkeiten, Mehrsprachigkeit oder unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten werden durch diese Testformate ignoriert. Damit wird ein sehr einseitiges und verkürztes Bild von Bildung und Leistung gezeichnet – zu Lasten der Kinder und ihrer Potenziale“.
Die steigende Zahl standardisierter Testungen engt die pädagogische Arbeit zunehmend ein. Statt Ressourcen in Tests zu investieren, fordert der Grundschulverband mehr Unterstützung für individuelle Förderung, multiprofessionelle Teams und gute Rahmenbedingungen: durch mehr Personal und kleinere Klassen, gezielte Förderangebote für Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und mehr Raum für pädagogische Arbeit anstelle von Testvorbereitung. „Wer Bildungsgerechtigkeit wirklich stärken will, muss in gute Lernbedingungen und Förderung investieren – nicht in immer neue Testformate“, so der Verband und die erwähnten Professor:innen.
Die Grundschule ist die gemeinsame Schule aller Kinder und guter Unterricht trägt entscheidend zur Chancengerechtigkeit bei. Es wird davor gewarnt, durch standardisierte und summative Testungen Selektionsmechanismen weiter zu verschärfen. „KOMPASS 4 mag auf den ersten Blick objektiv wirken, in Wirklichkeit aber trägt er dazu bei, Ungleichheiten zu verstärken und pädagogische Freiräume einzuschränken, da vor allem Kinder aus bildungsnahen Milieus in solchen Testungen erfolgreich sind, u. A. aufgrund der dahinterliegenden kriterialen und sozialen Bezugsnorm sowie der starken Auslese über bildungssprachliche Kompetenzen“, betonen beide Expert:innengruppen und ergänzen: „Das führt dazu, dass insbesondere Kinder aus bildungsnahen Familien Gymnasialempfehlungen bekommen und die Gymnasien immer ,elitärer‘ werden – eine gefährliche, milieuspezifische Verengung des Selektionsprozesses.
Kinder aus bildungsfernen Familien oder aus Familien mit Migrationsgeschichte werden dadurch stärker „aussortiert“ als bislang. Was wir brauchen, ist eine Weitung über quantitative Messbarkeits- und Testungslogiken als Indikatoren für ,Bildungspotenzial‘ hinaus, denn diese bilden nur den quantitativ messbaren Bruchteil der Bildungsprozesse ab. Zudem ist klar, dass die Performanz hochgradig stadtteilabhängig ist. Und: Wir benötigen mehr Vertrauen in unsere Lehrkräfte, die auch ohne große Testungen diagnostizieren und über unterrichtliche Diagnoseprozesse guten Unterricht planen können. Hier helfen z. B. formative Verfahren, also lernförderliche Diagnose- und Feedbackverfahren auf Basis der individuellen Bezugsnorm, bei denen das Ziel ist, Lernenden individuelles Feedback für den weiteren Lernprozess zu geben, z. B. über unterrichtsbegleitende Lernverlaufsdiagnostikverfahren wie QUOP (entwickelt an der Universität Münster und über das IBBW frei verfügbar für Grundschulen in Baden-Württemberg) – das nützt allen, schafft Vertrauen und stärkt die Lernenden“.
Der Grundschulverband Baden-Württemberg sowie die aufgeführten Professor:innen der Pädagogischen Hochschulen Baden-Württembergs fordern daher die Landesregierung auf, die Teststrategie kritisch zu überprüfen, die Anzahl der Testungen zu reduzieren und echte Förderung vor ungerechte sowie unnötige Testung und Selektion zu stellen.
